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  • KatjaAdminKatja1973@katja-diehl.de
    Jun 12, 2026, 9:36 AM

    #KatjasKolumne: Willst du oder musst du Auto fahren?

    Eine Frage, die vieles verändert.

    Sie klingt harmlos. Und doch bringt sie Menschen ins Stocken: Willst du Auto fahren – oder musst du es?

    In Interviews, die ich für mein erstes Buch geführt habe, erlebte ich immer wieder denselben Moment. Menschen, die täglich ins Auto steigen, ohne darüber nachzudenken, hielten plötzlich inne. Dachten nach. Und sagten dann, manchmal überrascht, manchmal ernüchtert:

    „Eigentlich muss ich.“

    Diese kleine Frage hat das Potenzial, eine der hartnäckigsten Selbstverständlichkeiten unserer Gesellschaft zu erschüttern: die Idee, dass das Auto Freiheit bedeutet.

    Ein Drittel der Deutschen fährt gar nicht selbst

    Bevor wir über Wollen und Müssen sprechen, lohnt ein Blick auf die Zahlen. Denn wer glaubt, das Auto sei das Verkehrsmittel aller Deutschen, irrt. Etwa ein Drittel der Bevölkerung kann überhaupt nicht selbstbestimmt Auto fahren – aus ganz unterschiedlichen Gründen.

    Da sind zunächst die Kinder und Jugendlichen. Sie werden in Debatten über Mobilität systematisch vergessen, dabei sind sie zu oft auf andere, die Auto fahren können, angewiesen. Dazu kommen 13 Millionen Erwachsene in Deutschland, die keinen Führerschein besitzen. Kein Randphänomen, sondern eine beachtliche Minderheit. Und dann: 45 Prozent der Menschen in Armut haben kein Auto im Haushalt. Oft, weil Anschaffung, Versicherung, Sprit und Reparaturen schlicht nicht finanzierbar sind.

    Und schließlich die Gruppe, über die am wenigsten gesprochen wird: die Menschen, deren Führerscheine ungenutzt in Schubladen und Nachttischschränken liegen – in Altenheimen, in Pflegeeinrichtungen. Menschen, die früher gefahren sind und es nun nicht mehr können. Auch sie sind Teil unserer Gesellschaft. Auch ihre Mobilität zählt.

    Wer will, wer muss – und wo ist der Unterschied?

    Die eigentlich spannende Frage aber betrifft jene, die fahren könnten – und es trotzdem nicht wollen. Ihre Zahl wächst. Jüngere Menschen in Städten erwerben seltener einen Führerschein als frühere Generationen. Menschen, die einmal auf das Auto verzichtet haben, kehren häufig nicht zurück. Und viele, die noch fahren, würden lieber nicht.

    Warum steigen sie dann trotzdem ins Auto?

    https://loops.video/v/gdqlJNnEVL

    Erstens: fehlende Alternativen. Wer auf dem Land lebt, weiß, was gemeint ist. Ein Bus, der zweimal täglich fährt, ist kein alternatives Verkehrsmittel. Er ist eine Alibi-Infrastruktur. Ohne zuverlässigen ÖPNV ist das Auto keine Wahl, sondern eine Abhängigkeit.

    Zweitens: mangelnde Barrierefreiheit. Für Menschen mit Behinderungen, für ältere Menschen, für Eltern mit Kinderwagen sind Bahn und Bus oft schlicht nicht nutzbar – wegen defekter Aufzüge, fehlender Rampen, unübersichtlicher Umsteigeverbindungen. Das Auto fährt ab der Haustür.

    Drittens: Sicherheit. Fahrrad fahren ist in vielen deutschen Städten und auf dem Land gefährlich. Nachts allein an einer schlecht beleuchteten Haltestelle warten ist es gefühlt auch. Das Auto wird nicht gewählt, weil es bequem ist – sondern weil es als sicherer gilt.

    Viertens: der Preis. Eine Fernreise mit dem Zug kann teurer sein als der gleiche Weg mit dem Auto oder dem Flugzeug. Das ist politisches Versagen. Solange Kerosin nicht besteuert wird, solange die externen Kosten des Autofahrens nicht im Preis enthalten sind, solange der Zug für viele unerschwinglich bleibt – wird das Auto die Wahl sein. Auch für Menschen, die lieber anders fahren würden.

    Die Frage als Spiegel

    Was passiert, wenn man Menschen fragt, ob sie wollen oder müssen?

    In vielen Fällen entsteht ein kurzes Zögern. Dann: „Ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht.“ Und: „Ich glaube, ich muss.“

    Dieses Erkennen ist der Beginn eines anderen Blicks auf Mobilität. Denn wer begriffen hat, dass er oder sie nicht aus freiem Willen fährt, sondern weil das System keine andere Option lässt, stellt plötzlich andere Fragen. Nicht mehr: „Wie weit ist das nächste Parkhaus?“ Sondern: „Warum gibt es hier keinen Bus?“

    Das Auto ist in Deutschland über Jahrzehnte zur Selbstverständlichkeit geworden – durch Städteplanung, durch Subventionen, durch kulturelle Bilder von Freiheit und Unabhängigkeit. Doch diese Freiheit ist ungleich verteilt. Und für viele ist sie gar keine Freiheit – sondern Zwang.

    Was wäre, wenn wir wirklich wählen könnten?

    Die Vorstellung, dass alle Menschen frei wählen könnten, wie sie sich fortbewegen ist keine Utopie., sondern politische Aufgabe. Sie bedeutet: ÖPNV ausbauen, verlässlich und flächendeckend. Radwege, die ihren Namen verdienen. Barrierefreiheit ernst nehmen – nicht als Sonderlösung, sondern als Standard. Und eine Preispolitik, die nicht das Fliegen und Fahren belohnt, während der Zug zur Luxusoption wird.

    Solange das nicht passiert, ist die Frage „Willst du oder musst du?“ keine rhetorische. Sie ist eine politische Anklage. Und sie ist der erste Schritt: zu merken, dass man in einem System lebt, das Entscheidungen trifft – bevor man selbst eine treffen kann.

    Katja als gepixelte Comicfigur, bildet Banden als blau-weißer Störer.
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