STARK, Helsing, Palantir – warum ich froh und zugleich entsetzt über mein Bauchgefühl bin.
Ich lebe wirklich in einer Dystopie. Immer wieder sitze ich auf Podien oder im Publikum, wo Männer mit leuchtenden Augen erkläen, wie großartig die „Lösungen“ von Unternehmen wie Waymo – alias Google – seien. Mit Glitzer in Stimme und Worten. Und gerade las ich, dass der Bundestag sich von Peter Thiel (natürlich!) hat täuschen lassen. Geschlossene Verträge mit STARK, einem der beiden Kamikaze-Drohnenunternehmen, in das kürzlich investiert worden war, stellen sich hinsichtlich der Problematik der Beteiligung von Thiel nun anders dar. Zwar hält der hochproblematische Dystopiefantast aus dem Silicon Valley auf dem Papier nur eine Minderheitsbeteiligung, doch seine strukturelle Doppelrolle – direkt über Founders Fund und indirekt über Döpfner Capital –-verleiht ihm unverhältnismäßig viel Gewicht. Demokratiefeinde lügen und betrügen? Was für eine Überraschung. Nicht.
Der Grünen-Haushaltspolitiker Sebastian Schäfer nannte Thiel einen „erklärten Anti-Demokraten“ und drängte auf Aufklärung.[12] Bis heute ist unklar, ob das Ministerium die gestellten Fragen vollständig beantwortet hat.
Das Netzwerk hinter STARK
STARK Defence wurde Anfang 2024 von Florian Seibel, einem ehemaligen Bundeswehroffizier, und Sven Kruck gegründet. Das Unternehmen stellt sogenannte Kamikaze-Drohnen her – im Fachjargon „Loitering Munition“. Sie werden über eine Rampe abgeworfen, schweben über Zielen in der Luft und explodieren beim Aufprall. Das Büro liegt nahe dem Berliner Hauptbahnhof, rund 200 Meter Luftlinie vom Kanzleramt entfernt.[1]
Wer bezahlt das alles?
Peter Thiel – PayPal-Gründer, Palantir-Co-Gründer, erklärter Trump-Unterstützer, bekannt für seine Aussage, dass Freiheit und Demokratie nicht kompatibel seien[2] – ist Investor bei STARK. Und zwar gleich doppelt: über Thiel Capital in einer frühen Finanzierungsrunde, und jetzt erneut über seinen Founders Fund, der die aktuelle 500-Millionen-Euro-Runde anführt, die STARK im Juni 2026 abgeschlossen hat.[3] Bewertung: 3,5 Milliarden Euro.
Dann ist da Moritz Döpfner – Sohn von Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden des Axel-Springer-Verlags. Springer verlegt unter anderem die Scheinmedien Bild („Organ der Niedertracht“ Max Goldt), Welt und Politico. Moritz Döpfner beteiligt sich über seine in Los Angeles ansässige Investmentfirma Döpfner Capital an STARK.[4] Döpfner Capital wiederum hat Peter Thiel als Ankerinvestor – mit einem Einstieg von 50 Millionen US-Dollar.[5]
Man muss das kurz sacken lassen: Thiel finanziert Döpfner Capital, und Döpfner Capital investiert in STARK. Thiel ist gleichzeitig über seinen eigenen Fonds direkt Lead-Investor bei STARK. Er sitzt strukturell zweifach in dem Unternehmen.
Weitere Investoren bei STARK: der CIA-Investitionsarm In-Q-Tel[6], Palantir-Mitgründer Joe Lonsdale, Sequoia Capital – und der NATO Innovation Fund, der direkt von den NATO-Mitgliedstaaten getragen wird, also auch von Deutschland.[7]
Was der Bundestag wusste – und was er nicht wusste
Das Verteidigungsministerium (BMVg) hatte im Frühjahr 2025 Testverträge an STARK und Helsing vergeben. Beides übrigens deutsche Unternehmen, so wie auch Thiel deutsche Wurzeln hat. Aus der Geschichte lernen…. wir ein anderes Mal.
Aus Beschlussvorlagen, die das Rechercheportal CORRECTIV einsehen konnte, geht hervor: Es geht um einen Festauftrag von rund 270 Millionen Euro für STARK – mit einem Gesamtvolumen von bis zu 2,9 Milliarden Euro in den kommenden Jahren. Bei Helsing sind rund 1,4 Milliarden Euro veranschlagt.[8]
Bevor der Haushaltsausschuss des Bundestags im Februar 2026 über diese Summen abstimmen sollte, ließ STARK ausrichten: Thiel habe „keine besonderen Kontroll- oder Einflussmöglichkeiten“, auch keine „Informationsrechte zu unseren Produkten oder unserem Geschäft“.[9] Kurz darauf berichtete das Manager Magazin, Thiel habe bei einer neuen Bewertungsrunde erneut investiert.[10] Und jetzt, im Juni 2026, ist sein Founders Fund Lead-Investor der 500-Millionen-Runde. Döpfner Capital ist ebenfalls wieder dabei.
Ich nenne das einen Widerspruch. Andere mögen es anders nennen.
Verteidigungsminister Boris Pistorius erklärte öffentlich, er teile die Bedenken bezüglich Thiels Beteiligung „ausdrücklich“. Dann fügte er hinzu: Es komme darauf an, ob Thiel „Einfluss auf das operative Geschäft hat, Sperrminoritäten hat“ – oder eben nur Minderheitsteilhaber ohne operativen Einfluss sei.[11] Die Frage, die sich stellt: Wer hat das eigentlich überprüft?
STARK. HELSING. PALANTIR.
Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die bei diesen Namen schluckt.
STARK – benannt nach dem Eisenmann aus dem Marvel-Universum, der Waffenhändler ist, bevor er zum Helden wird. HELSING – der Vampirjäger. PALANTIR – die sehenden Steine aus Tolkiens Herr der Ringe, mit denen man Kontrolle ausübt und überwacht. Saurons Instrument.
Das Bundesverteidigungsministerium kauft Drohnen von STARK und HELSING. Die Bundeswehr und viele andere europäische Institutionen nutzen bereits PALANTIR.[13] Von Tech-Milliardären, die sehr genau wissen, wie man Branding macht und politische Entscheider*innen im Krisenmodus so einseift, dass sie vielleicht rein menschlich gar nicht genau hinschauen wollen, weil die Welt nunmal nach schnellen Lösungen schreit. Der Bundestag hat den Deal genehmigt, obwohl die tatsächliche Tiefe von Peter Thiels Einflussstruktur zunächst verschleiert wurde. Das Verteidigungsministerium betonte, Thiel habe keine operativen Rechte – eine Aussage, die angesichts der komplexen Finanzierungswege über Döpfner Capital als irreführend erscheinen kann.
Florian Seibel, STARK-Gründer, hat in einem Interview auf politische Bedenken zu Thiel kurz angebunden geantwortet: „Politik ist etwas, das die Amerikaner im Business gerne ausklammern. Das haben wir dann auch ausgeklammert.“[14] Thiel sei einfach der beste Tech-Investor der Welt.
Das ist die Logik: Wenn die Rendite stimmt, wird Demokratieverachtung zur Fußnote.
Warum mich das an Pferdehandel erinnert
Auch in der Mobilität wird nur sehr oberflächlich hingeschaut, anders kann ich es mir nicht erklären, dass Waymo, also Google, und andere amerikanische oder chinesische Techgiganten ernsthaft als Zukunft der Mobilität angesehen werden. Unter dem dünnen Lack der Innovation verbergen sich Absage an Menschenrechte, Ausbeutung, Täuschung und Profitgier. Ich sage es nochmals: Über meinen toten Körper lasse ich zu, dass Tech-Giganten zum Nukleus der Mobilität werden.
Und genau deshalb macht mich die STARK-Geschichte so fassungslos.
Es geht nicht nur um Drohnen. Es geht um das Muster: Parlamentarische Kontrolle wird erschwert (Preise in Beschlussvorlagen geschwärzt[15]). Fragen werden nicht oder unvollständig beantwortet. Milliarden fließen an Unternehmen, deren Investorenstruktur intransparent ist und die Verbindungen zu Netzwerken haben, die der Demokratie gegenüber offen feindlich eingestellt sind. Und die Öffentlichkeit soll das einfach hinnehmen.
Mathias Döpfner verlegt Medien, die politische Meinungen formen. Sein Sohn investiert über ein Vehikel, das mit Thiel-Geld befüllt ist, in Rüstungs-Startups. Thiel sitzt im Hintergrund gleich zweimal. Und das BMVg vergibt Aufträge. Das erinnert mich an den alten Pferdehandel: Man spuckt sich in die Hand, schlägt ein, vertraut einander und hat das Gefühl von Augenhöhe. Während damals wenigstens ein Pferd, das zuvor umfassend begutachtet wurde, den Eigner wechselte, kaufen hier Bundespolitiker*innen die Katze im Sack.
Was jetzt
Ich mache mir keine Illusionen, dass dieser Artikel etwas verändert. Aber Schweigen ist keine Option.
Wir reden gerade viel über europäische Souveränität und strategische Unabhängigkeit von den USA. CORRECTIV hat das sehr treffend als Richtungsentscheidung beschrieben: Helsing positioniert sich als durch und durch europäisch, STARK als US- und NATO-nah – eingebettet in Trump-Netzwerke, CIA-Vehikel und Tech-Milliardäre, die Demokratie für ein verhandelbares Konzept halten.[16]
Was kauft Deutschland da eigentlich wirklich?
Diese Frage darf nicht nur in Fachblogs gestellt werden. Sie gehört in die Öffentlichkeit. Und in jede kopflos begeistert geführte Debatte über Lösungen von Techgiganten mit antidemokratischer Haltung. Und Journalismus und Recherche wie der von correctiv ist jede finanzielle Unterstützung wert, weil dieser keine Jubelarien, sondern Fakten bietet.
Fußnoten
[1]: CORRECTIV: Aufstieg der deutschen Waffen-Start-ups, 27. Januar 2026.
[2]: Thiels „The Education of a Libertarian“ (2009): „I no longer believe that freedom and democracy are compatible.“
[3]: Bloomberg: Sequoia, Founders Fund Back German Drone Startup Stark at €3.5 Billion Valuation, 23. Juni 2026; The Next Web: Stark Defence raises €500M led by Sequoia and Founders Fund.
[4]: CORRECTIV: Aufstieg der deutschen Waffen-Start-ups: „Auch vom Sohn eines bekannten Deutschen kommt Unterstützung: Moritz Döpfner, Spross des Springer-Chefs Mathias Döpfner, beteiligt sich über seine in Los Angeles ansässige Investment-Firma an Stark.“
[5]: Yahoo Finance / Sifted: Döpfner Capital wurde im Dezember 2024 in Delaware registriert, mit Peter Thiel als Ankerinvestor (50 Mio. USD). Sifted: Stark confirms €500m raise.
[6]: In-Q-Tel beschreibt sich selbst als unabhängiges, gemeinnütziges Unternehmen mit dem Ziel, neue Technologien für die USA und ihre Verbündeten nutzbar zu machen.
[7]: CORRECTIV: Aufstieg der deutschen Waffen-Start-ups; Sifted: Stark confirms €500m raise.
[8]: CORRECTIV: Showdown im Bundestag: Kommen Pistorius‘ Kampfdrohnen?, 18. Februar 2026.
[9]: Stark-Sprecher gegenüber dem Fachblog Augen geradeaus, zitiert nach CORRECTIV: Showdown im Bundestag.
[10]: Manager Magazin, zitiert nach CORRECTIV: Showdown im Bundestag: „Erst kürzlich soll Thiel laut Manager Magazin bei einer Bewertungsrunde erneut in Stark investiert haben.“
[11]: t-online: Drohnen-Deal im Bundestag: Bedenken wegen US-Investor Peter Thiel.
[12]: CORRECTIV: Showdown im Bundestag.
[13]: taz: Kamikazedrohnen: Wie die Rüstungsindustrie auf Staatskosten profitiert.
[14]: Florian Seibel in einem Podcast-Interview, zitiert nach CORRECTIV: Aufstieg der deutschen Waffen-Start-ups.
[15]: CORRECTIV: Showdown im Bundestag: „die konkreten Stückpreise sind zudem zumindest in den zugänglichen Versionen für die Verteidigungs- und Haushaltspolitiker geschwärzt.“
[16]: CORRECTIV: Aufstieg der deutschen Waffen-Start-ups: „Eine Entscheidung der Bundesregierung für Technik von Stark oder Helsing wäre ein Signal, ob Deutschland seine sicherheitstechnologische Zukunft eher europäisch oder transatlantisch verankert sieht.“