Experto credite, lieber Herr Merz.
Ich habe 21 Jahre lang amerikanische Cloud (auch an deutsche Behörden) verkauft. Erst direkt bei Microsoft im Public Sector, dann über den Channel. Ich kenne die Folien, ich habe einige davon selbst gebaut. Deshalb erlaube ich mir heute, was ich sonst meide: einen Brief an einen Politiker.
Sie haben beim Digitalgipfel gesagt, die Google-Cloud der Nachrichtendienste sei “nicht eine voll integrierte Infrastruktur, sondern eine europäische Infrastruktur”. Und: “Die ist für uns sicher.”
Ich kenne diesen Satz. Er stand in jedem Angebot, das ich je mit abgegeben habe. Nur dass wir ihn nicht selbst sagten, sondern das Gespräch immer so gelenkt haben, dass der Kunde ihn selber ausspricht. Sie haben ihn für uns gesagt. Vor Publikum. Während das BSI noch prüft.
Lassen Sie mich erklären, wie das Spiel aus der Innenperspektive funktioniert. Jedes Mal, wenn die Fragen der Kunden besser wurden, haben wir eine Schicht dazugebaut. Erst lag das Rechenzentrum in Frankfurt. Dann kam eine deutsche Betreibergesellschaft. Dann Mitarbeiter mit Sicherheitsüberprüfung, dann Update-Reviews durch Dritte, dann Air Gap. Jede Schicht war echt. Jede Schicht hat ein Bedenken erledigt. Und eine Sache hat sich in all den Jahren nie bewegt: Wer den Code schreibt, der das System am Leben hält.
Es geht nämlich nicht um den hypothetischen Film, in dem ein US-Präsident Google zwingt, Ihre Geheimnisse herauszugeben. Den Film kann man mit einem Air Gap tatsächlich abdrehen. Es geht um die Szene, in der schlicht kein Update mehr kommt. Dann haben die Dienste ein paar Monate, um umzuziehen. Wohin, lieber Herr Merz? An den Ort, der nie gebaut wurde, weil DER Ankerkunde, den SIE selbst vor einem Jahr versprochen haben, gerade 500 Millionen Euro nach Mountain View überwiesen hat?
Sie haben in derselben Rede den besten Satz des Tages gesagt: Die Frage sei nicht mehr make or buy, sondern wer die Regeln setzt. Experto credite: Die Regeln setzt, wer die Updates signiert. Immer. Das ist kein Vorwurf an Google, das ist das Geschäftsmodell. Ich habe davon gelebt.
Niemand Ernstzunehmendes verlangt Autarkie. Und Dr. Sven Herpig hat recht, eine unsichere deutsche Bude wäre keine Lösung. Aber zwischen “voll autark” und “Google nennen wir jetzt europäisch” liegt ein Kontinent. Er heißt Europa. Mit Anbietern, die es längst gibt. Man müsste sie nur beauftragen.
Ich arbeite heute für einen europäischen Anbieter. Das dürfen Sie sehr gern als Befangenheit lesen. Oder als den Grund, warum ich weiß, wovon ich rede. Ich bin damit übrigens nicht allein, fragen Sie Prof. Harald Wehnes.
Die Souveränität liegt nicht im Standort des Rechenzentrums.
Sie liegt in der Hand, die den Update-Button drückt.
One less excuse.
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